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Rezensionen von "Wie ein Theaterstück entsteht"

 

Tolle Diva

Premiere im Forumtheater
Was für eine Frau! Hochgewachsen, in einem roten, ihrem Körper schmeichelnden Kleid, das noch mit schwarzer Spitze überzogen ist! Ganz Haltung, ganz Diva! Sie ist in höchsten Nöten, denn eigentlich sollte sie auf der Stelle als Chansonnière auftreten, doch der Pianist fehlt. Martina Guse gibt erst einmal bloß die vor Nervosität Vibrierende. Sie spricht kein Wort und demonstriert, dass Schauspielerei nicht unbedingt der Worte bedarf. Doch dann lässt sich die vom Klavierpartner Versetzte zu einer Suada hinreißen, deren Thema ,,Wie ein Theaterstück entsteht" lautet. Und so heisst auch das Stück des Tschechen Karel Capek aus dem Jahre 1925, das Gabriele Gysi jetzt im Forumtheater inszeniert hat. Und Martina Guse spielt sie brillant, die Tonleiter der Theatereitelkeiten und -empfindlichkeiten. Schon in den zwanziger Jahren, erfahren wir,hatten manche Leute eine Abneigung gegen das sogenannte Regietheater. ,,Kein Autor wundert sich, wenn er sein Stück auf der Bühne nicht wiedererkennt", wettert Guse als sarkastische Theaterfrau. Ganz wundervoll, wie sie als Hausmädchen die simple Meldung, dass ein Herr Soundso da sei, ihrer Herrin in diversen Varianten präsentiert: mädchenhaft, sexy, albern, genervt, geheimnisvoll oder besoffen. Und Guse kann auch nur auf dem Klavier hocken - sonst stehen nur noch ein Sessel und ein Mikro auf der Bühne- und das Gekabbel zwischen Regisseur, Schauspielern und Technikern mit verschiedenen Stimmen derart schnell und präzise spielen, dass der Pianodeckel bebt. Der Grundton von Guses Stimme ist von kraftvoller Zartheit, ja, so etwas gibt es. Dazu verfügt sie über eine souveräne Körpersprache, weshalb es ein Vergnügen ist, ihr bei subtilen Verrenkungen zuzuschauen.

Text: C.B. (März 2009)

zur Zeit im Forum-Theater Stuttgart (www.forum-theater.de)

 

Fassungslos im Sessel

Was ist das Theater? Ein Glücksspiel. Man weiß zu Beginn eines Stücke nie, wie es ausgehen wird. Und das Abend für Abend. Diese und viele andere aberwitzige Bonmots hat der tschechische Autor Karel Capek (1890-1938) in einem sprachlich brillanten Text über den Theaterbetrieb hinterlassen."Wie ein Theaterstück entsteht" hatte nun am Forum-Theater Premiere.
Martina Guse zelebriert die bitterböse Analyse über hierarchischeStrukturen, machtbewusste Regisseure, echauffierte Diven,wurschtige Handwerker, dem Wahnsinn nahe Autoren in einer One-Woman-Show, als erzähltes, "zerstücktes Schauspiel". Vor dem "Feind Nummer eins des Theaters, dem Premierenpublikum" ringt die Schauspielerin in ihrer rot-schwarzen bodenlangen Robe die schönen Hände, durchquert im Wiege-Schaukel-Schritt die Bühne, entfacht einen fiktiven Dialog über die Bedeutung des dritten Aktes. Mit herrlich pathetischer Dramatik und komödiantisch-diabolischen Gesten ersetzt sie in rasant wechselnden Rollen ein komplettes Ensemble.Regisseurin Gabriele Gysi hat den Text in eine Rahmenhandlung gefasst und weist der Protagonistin zu Beginn des Abendsdie Rolle einer Chansonette zu. Von ihrem Pianisten versetzt, sieht sich die verunsicherte Sängerin in der "epischen, dramaturgischen, absurden Stätte des Wunders Theater" zur Improvisation gezwungen. Martina Guse läuft zu darstellerischer Hochform auf - etwa, wenn Kattuse die Schlüsselszene des Stückes vermasselt hat. Hilflos fiepend wie ein junger Hund sieht sie sich mit einem ,,eigentlich überflüssigen Regisseur" konfrontiert, der im Angesicht des Chaos heult, zetert, brüllt. Und der Autor, aus dessen Sicht die Dramaturgie des Stückes konzipiert ist, hängt fassungslos im Sessel des Theatersaales. Doch das Wunder geschieht auch an diesem Abend: Der Pianist erscheint, die Chansonette tritt auf das Publikum applaudiert vergnügt.

Text: Brigitte Jähnigen 2009

 

Es treten auf: die Chansonette, Martina Guse, und der Pianist. Nein, der tritt nicht auf, weil der noch im Stau steckt. Es gilt die Zeit bis zu seinem Eintreffen zu überbrücken. Die pianistischen Künste der Sängerin geben nicht mehr als den "Flohwalzer” her, den sie allerdings mit Emphase und suggestiver Intensität in die Tasten hämmert. Und dann der wilde Entschluss, die ganze Wahrheit über das Wunder, ja die ganze Wundertüte Theater zu verraten.
Das ist so ein Wunder, des Theaters, dass eine Schauspielerin, ein ganzes Ensemble auf die Bühne zu zaubern vermag, ihm, im Wechsel eines Wimpernschlags, Individualität einhaucht und es auch noch mit der Verkörperung des technischen Personals aufnimmt, wort- und witzgewaltig.

Text: Gisela Brüning im Badischen Tagblatt 2003

 

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